Krieg in Shanghai

Im Jahr 1942 verschlechterte sich nicht nur die persönliche Lage der Rubinsteins durch den Tod eines geliebten Menschen, sondern auch die allgemeine Lage der jüdischen Flüchtlinge. China befand sich seit 1937 im Kriegszustand mit Japan, dem sogenannten Pazifik-Krieg, der kurzzeitig zum Stillstand gekommen war. Der Eintritt der Amerikaner in den 2. Weltkrieg entfachte aufs Neue alte Kämpfe zwischen China und Japan und mündete in die Besatzung Shanghais durch japanische Truppen. Die Japaner wurden Bündnispartner der Deutschen, was sie mitunter zur Ghettoisierung aller jüdischen Flüchtlinge im Stadtteil Hongkou veranlasste. Jedoch auch aus früheren geschäftlichen Gründen waren sie keineswegs Freunde der Juden und so konnten sich zwei ideologisch gleich gesinnte antisemitische Partner verbünden.[1] – Dies hatte restriktive Einschränkungen für die jüdischen Flüchtlinge zur Folge: Schikanen beim Verlassen des Ghettos, wenn jemand außerhalb des Ghettos zur Arbeit gehen wollte, Übergriffe auf jüdische Frauen durch japanische Soldaten, was Ilse am eigenen Leib erfahren musste, als sie ein japanischer Soldat unsittlich anfasste. [2]

1944 kam es zu verstärkten Luftangriffen auf Shanghai durch die Amerikaner. Der Stadtteil Hongkou wurde zur bevorzugten Zielscheibe, weil die Japaner dort ein Munitionsdepot und einen kriegswichtigen Radiosender errichtetet hatten. [3] Die jüdischen Flüchtlinge wurden somit als Geiseln der Japaner missbraucht. Diese Luftangriffe auf Hongkou forderten zahlreiche Opfer. An die 4.000 wurden getötet, Juden wie Chinesen, viele wurden verwundet, auch Ilse, die von einem Granatsplitter ins Bein getroffen wurde. Sie hatte großes Glück im Unglück. Dieser Splitter hatte aber Spätfolgen, musste operiert werden und hat heute ein lädiertes Bein.

Den Juden, die sich nach Shanghai retten konnten, blieb auch der Krieg nicht erspart. – Shanghai war für sie keine „Insel der Seligen“. – Auf der einen Seite konnten sie der Verfolgung und Ermordung durch die Nazis entrinnenfanden, weil sie ohne Visum Aufnahme in der fernen Metropole fanden, während ihnen alle anderen Staaten der Welt die Einreise verweigerten haben. Auf der anderen Seite wurde ihre Integration in die Wirtschafts- und Arbeitswelt dieser internationalen Weltstadt enorm behindert, einmal durch Sprachbarrieren, auf Grund mangelnder Englisch- und Chinesisch-Kenntnisse, unter altansässigen deutschen Geschäftsleuten, wo es keine sprachlichen Hindernisse gegeben hätte, dort aber wurde die deutsche antisemitische Propaganda aktiviert und man verweigerte den Juden in diesen Unternehmen zu arbeiten.

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges bemühten sich daher viele Juden aus Shanghai wieder weg zu kommen. 1948/49 gelang es schließlich den beiden Frauen in den neu gegründeten Staat Israel zu emigrieren.


[1] Astrid Freyeisen, Shanghai und die Politik des Dritten Reiches. Würzburg 2000. 412.
[2] Interview mit Ilse Mass 2010.
[3] Astrid Freyeisen, Shanghai und die Politik des Dritten Reiches. Würzburg 2000. 412.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.